Allen Frances stellt sein Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen: Der Kampf um die Definition geistiger Gesundheit“ vor

BooksAllen Frances, 1942 in New York geborener Psychiater war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung des DSM-IV. Mittlerweile hat er ein Buch geschrieben, in dem er die neue Version des diagnostischen und statistischen Manuals – das DSM-5 – scharf kritisiert. Frances Grundthese besagt, dass mit dem DSM-5 eine weitere Ausweitung der Diagnosen einhergeht, die zur Behandlung von Problemen führt, die eigentlich keinen Krankheitswert besitzen. Das Thema wird seit einigen Jahren in der psychiatrischen Scientific Community kontrovers diskutiert und ist nun auch in der breiten medialen  Öffentlichkeit angekommen.

„In den fünfunddreißig Jahren in denen der Umgang mit Experten mein täglich Brot war, habe ich nicht einen erlebt, der vorgeschlagen hätte, sein Fachgebiet einzuschränken“ (Allen Frances)
Ich hatte bisher nur Gelegenheit das Buch auszugsweise zu lesen. Frances schreibt interessant, stellenweise packend, z.B. wenn er die eher zufällige Entdeckung der ersten Psychopharmaka in der Mitte des letzten Jahrhunderts beschreibt. An einigen Stellen ist der Autor aber m.E. auf dem Holzweg, so bei seinem verbalen Einschlagen auf jene Epidemiologen, die Bevölkerungsscreenings durchführen. Diesen wirft er vor, sie pushten die tatsächlichen Erkrankungzahlen. Tatsächlich sind es gerade die Übersichtsarbeiten über epidemiologische (Screening-)Studien, die die Zunahme von psychischen Erkrankungen widerlegen, während Inanspruchnahme-Studien (wie z.B. durch die Krankenkassen) fälschlicherweise eine Zunahme suggerieren. Das Thema der Ausweitung von Diagnosen betrifft letztlich nicht nur Fachleute. Zwar behauptete die Direktorin der Klinik für Psychatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin vor kurzem bei einer Podiumsdiskussion gebetsmühlenartig, dass eine psychiatrische Diagnose nicht automatisch eine Behandlung nach sich ziehen würde. Erklären Sie das dann mal beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Der wird es dann nämlich ziemlich egal sein, ob Sie sich haben behandeln lassen oder nicht. Die Ausweitung psychiatrischer Diagnosen werden also für immer mehr Menschen auch alltagsrelevant.
Eine gute Zusammenfassung des Buches finden Sie bei Amazon über die Option „Blick ins Buch“ in Form eines Nachworts von Geert Keil (S. 393). Wer den Autor persönlich kennenlernen möchte, kann eine seiner Lesungen besuchen. Eine Übersicht der Veranstaltungen erhalten Sie hier. Auch die ARD-Sendung „ttt – Titel, Thesen, Temperatamente“ brachte einen Beitrag mit Frances, den Sie in der Mediathek abrufen können.

Update (17.04.2013)
Jörg Blech merkt in seinem Artikel auf Spiegel-Online an, dass Kritiker von Frances sich über seine plötzliche Wandlung wundern, nachdem die Tantiemenzahlungen für ein Begleitbuch des DSM-IV endeten. Vorgeworfen werden ihm auch seine Gedächtnislücken in Bezug auf zurückliegende Zahlungen von Pharmafirmen. Leider nennt Jörg Blech hierzu keine Quellen. Sein ganzer Artikel kann bei Spiegel-Online gelesen werden.

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