E-Zigarette: Alternative zum Rauchen für Menschen mit psychischer Erkrankung?

Die E-Zigarette ist eine Möglichkeit, um vom Rauchen abstinent zu werden oder den Zigarettenkonsum zu reduzieren. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen rauchen überdurchschnittlich häufig und können u.U. von der E-Zigarette profitieren. In diesem Beitrag wird sowohl die besondere Situation psychisch erkrankter Zigaretten-RaucherInnen berücksichtigt, als auch die Implikationen einer Entwöhung oder Reduzierung des Zigaretten-Konsums vor dem Hintergrund der psychischen Erkrankung thematisiert. Mögliche Implikationen für die Praxis werden erläutert.

Die E-Zigarette wird immer populärer. Eingeführt wurde sie 2008, der Markt für die E-Zigarette gilt als lukrativ für Investoren.1http://www.aerzteblatt.de/archiv/159692/Die-E-Zigarette-praeventivmedizinische-
pneumologische-und-suchtmedizinische-Aspekte?src=search
Auch wenn die E-Zigarette vermeintlich ein Nischendasein fristet, so finden sich doch mittlerweile sehr aktive Lobbyisten, 2http://ig-ed.org/ die versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Der Handel für E-Zigaretten ist insofern transparent, als auf fast allen Händlerseiten deutlich gemacht wird, dass E-Zigaretten und das Zubehör nicht an Personen unter 18 Jahren verkauft werde und für verschiedene Risikogruppen  nicht geeignet sei. Wie eine Altersüberprüfung stattfindet ist aber in der Regel nicht klar. Aktuell streiten sich Vertreter der die Lobbyisten der E-Zigarette und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) darüber, inwieweit die Werbestrategien für E-Zigaretten und E-Shishas Jugendliche zum Konsum selbiger animieren.3http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/vorbeugung/
experten-nehmen-e-zigarette-ins-visier-poppiges-
e-zigaretten-design-macht-kinder-zu-dampfern_id_4324875.html

Auch sind die Tabakhersteller mittlerweile in den Markt für E-Liquids, den Flüssigkeiten zum Gebrauch von E-Zigaretten, eingestiegen und betreiben dabei ein aggressives Marketing.4http://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/E-Zigaretten-Welche-Tabakhersteller-
vom-neuen-Zugpferd-der-Branche-profitieren-1000170047/3

Das sollte alles bei der Einschätzung der E-Zigarette bedacht oder zumindest im Hinterkopf behalten werden.

1. Gesundheitsgefährdung
Grundsätzlich gibt es trotz unzähliger Studien keine eindeutige Sachlage zu der Frage wie sehr E-Zigaretten die Gesundheit langfristig gefährden. Vor dem Hintergrund einer bestehenden Tabakabhängigkeit  sind sich viele Experten aus verschiedenen Bereichen (z.B.  Suchtmedizin, Toxikologie) aber mittlerweile soweit einig, dass die E-Zigarette gegenüber der Tabakzigarette die deutlich weniger schädliche Alternative darstellt.  Einen guten Überblick verschafft dieser Artikel im Ärzteblatt. Neben der Eigengefährdung der “Dampfer” selbst spielt im Alltag auch die Gefährdung der Personen im Umkreis eine Rolle. Auch hierzu gibt es noch sehr wenig Studien. Eine Gefährdung durch Passiv-Dampfen kann nicht ausgeschlossen werden, gilt aber als sehr viel weniger belastend als Zigarettenrauch. Nach aktuellem Wissensstand sollten sich DampferInnen in der Öffentlichkeit wie ZigarettenraucherInnen verhalten und sich am Raucherschutzgesetz orientieren. Das heißt, in öffentlichen Räumen wie Kneipen, Restaurant usw. auf das Dampfen verzichten, es sei denn, eine Erlaubnis ist eindeutig, z.B. durch einen Kneipenbesitzer erteilt worden.

2. E-Zigarette als Mittel zur Raucherentwöhnung
Auch wenn viele E-Zigaretten-User, oder wie sie sich auch selbst nennen, Dampfer, davon berichten wie ihnen die E-Zigarette bzw. das Dampfen geholfen hat, vom Rauchen wegzukommen, ist die Studienlage zum Entwöhungseffekt nicht überragend. Die unabhängige  Cochrane Collaboration  kommt in einer Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass die E-Zigarette helfen kann, sich vom Tabak-Rauchen zu entwöhnen,5http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/
suchtkrankheiten/article/876485/e-zigarette-kleine-hilfe-weg-nicht-raucher.html
die Effekte sind aber relativ gering und gleichen denen von Nikotinpflastern. Entscheidend für einen Effekt ist im Übrigen die Verwendung von Liquids mit Nikotin (9 Prozent Abstinenz gegenüber 4 Prozent bei Liquid ohne Nikotin).  Die Autoren räumen aber auch ein, dass weitere Studien mit moderneren Geräten zur Nikotin-Verdampfung die Ergebnisse noch mal stark verschieben können (ebd.).  Immerhin haben 36 Prozent derjenigen, die E-Zigaretten mit Nikotin benutzten, ihren Zigarettenkonsum um die Hälfte reduziert. RaucherInnen, die nicht vorhaben, das Rauchen aufzugeben, haben in einer Studie den täglichen Tabakzigarettenkonsum mittels der E-Zigarette reduziert, ein kleine Gruppe (12,5%) um 80%.6http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3203079/

3. Funktionsweise der E-Zigarette
Der Aufbau der E-Zigarette ist im Prinzip immer sehr ähnlich. Zwar gibt es immer wieder Unterschiede, das Grundprinzip ist aber immer gleich oder ähnlich. Eine E-Zigarette  besteht aus einem Akku, einer Verdampfer-Einheit mit Tank, dem Verdampfer-Kopf und einem Mundstück (Drip-Tip). Das Liquid wird in den Tank eingefüllt und über den Verdampfer vernebelt. Die Energie für diesen Vorgang kommt vom Akku.

Grafik DER SPIEGEL E-Zigarette

Quelle: Spiegel-Online

Das Liquid ist dabei das Produkt, das permanent verbraucht wird und erneuert werden muss. Eine eindeutige Verbrauchsangabe ist dabei schwierig, weil der Verbrauch vom Dampf-Verhalten und von den entsprechenden Geräten abhängig ist. Zudem kommen noch die Kosten für die Verdampferköpfe hinzu, die auch in Abhängigkeit vom Dampfverhalten verschleißen. Grundsätzlich gilt das Dampfen aber gegenüber dem Zigaretten-Rauchen als sehr viel günstiger.
Bei einem Umstieg auf das Dampfen sollte man meines Erachtens Abstand von technischen Lösungen nehmen, die das Aussehen und die Größe einer herkömmlichen Zigarette haben und z.B. durch eine LED sogar die Glut imitieren. Bei diesen E-Zigaretten muss das Liquid aufgrund des kleinen Tanks sehr häufig nachgefüllt werden, außerdem sind die Akkus meist sehr schnell leer und müssen dann wieder aufgeladen werden.

3. E-Zigaretten und psychische Erkrankung
Der Anteil der RaucherInnen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wird auf 75 bis 85% geschätzt und liegt damit sehr hoch.7http://journals.lww.com/amjmedsci/Abstract/2003/10000/Serious_Mental_Illness
_and_Tobacco_Addiction__A.14.aspx
Während in der Allgemeinbevölkerung der Anteil der RaucherInnen in den letzten 40 Jahren gesunken ist, zeigten sich bei den Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen keine Veränderungen (ebd.). Alarmierend ist der sehr viel höhere Anteil von psychisch erkrankten Menschen, die an einer COPD leiden (im Vergleich zu nicht psychisch erkrankten Gleichaltrigen).8http://ajp.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.161.12.2317 Neben den massiven negativen Auswirkungen des Rauchens auf die körperlichen Funktionen profitieren Menschen, die an einer Schizophrenie leiden besonders von den psychoaktiven Wirkungen des Rauchens.  So verbessern sich durch das Rauchen die kognitiven Leistungen9http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18558153 und depressive Symptome sowie Stressempfinden lassen nach.10http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21723317
Trotz dieser, das Tabak-Rauchen eher begünstigenden Faktoren gibt es  Hinweise darauf, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung empfänglicher für den Gebrauch von E-Zigaretten sind, als nicht-betroffene Menschen. 11http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4145659/

4. E-Zigarette bei vorerkrankter Lunge
E-Zigaretten werden für die Entstehung von COPD bisher nicht verantwortlich gemacht. Es stellt sich die Frage, ob eine Substitution mit E-Zigaretten bei Menschen mit einer vorgeschädigten Lunge (z.B. diagnostizierte COPD) ratsam sein kann. Sollten alle anderen Methoden zu Erreichung eine Abstinenz bisher erfolglos gewesen sein, so wird der Rückgriff auf die E-Zigarette bei Personen  mit COPD zumindest nicht grundsätzlich abgelehnt.12http://www.lungenarztpraxis-tegel.de/uploads/E-Zigarette%20-%20Pro%20und%20Contra_1.0.pdf
Sollten ein Klient mit Vorerkrankung Interesse an einem (teilweisen) Umstieg auf die E-Zigarette haben, ist die Rücksprache mit dem Haus- oder gegebenenfalls Lungenfacharzt obligatorisch. Dabei muss man sich als betreuende Person darauf einstellen, dass die ÄrztInnen sehr skeptisch gegenüber dem Dampfen sind.  Sollten in der Vergangenheit alle anderen Alternativen zur Abstinenz-Therapie bereits erfolglos gewesen sein, dann könnte der Einsatz der E-Zigarette als weitere Therapie-Option erwogen werden.

5. (Mögliche) Hürden für Menschen mit psychischer Erkrankung
Trotz der vielen Vorteile der E-Zigarette ergeben sich in der praktischen Anwendung auch Nachteile gegenüber der herkömmlichen Zigarette, die insbesondere für Menschen mit einer schwereren psychischen Erkrankung eine Hürde darstellen können. So sind die Anfangsinvestitionen für ein gutes Gerät mit mindestens 30 bis 40 Euro recht hoch. Zudem sind die den Geräten beigelegten Anleitungen mitunter sehr rudimentär, viele Anfänger informieren sich deshalb im Internet über die Handhabung  der Geräte. Einen Internetzugang haben aber Menschen mit einer psychischen Erkrankung häufig aus Kostengründen nicht und Internetcafes sind auch nicht in jeder Region einfach zu erreichen. Aus dem gleichen Grund ist die Anschaffung oft erschwert, weil dort, wo es keine entsprechenden Läden gibt, den KäuferiInnen lediglich die Online-Bestellung eines Gerätes bleibt. Weil viele Betroffene, die unter einer rechtlichen Betreuung stehen, aber nur einen eingeschränkten Zugriff auf ihr Bankkonto haben, ist der Online-Kauf von E-Zigaretten und Verbrauchsmaterialien  erschwert oder gar unmöglich.
Ein weiterer Nachteil der E-Zigaretten ist ihre Handhabung, die bei einigen Geräten ein gewisses Geschick erfordert. So ist das Auffüllen der Liquid-Tanks für Menschen mit einem Tremor oder eingeschränkter Feinmotorik ein recht schwieriges Unterfangen. Problematisch ist auch die notwendige Bevorratung mit Liquids und Verdampferköpfen. Diese setzt ein gewisses Maß an Planung voraus, um nicht plötzlich ohne Material dazustehen und dann doch wieder auf die herkömmliche Zigarette (vermehrt) zurückzugreifen. Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich unter Umständen auch bei einer kurzfristigen oder ungeplanten Aufnahme in die Psychiatrie.

6. Implikationen für die gemeindepsychiatrische Praxis
Nach heutigem medizinischen Kenntnisstand können MitarbeiterInnen den bestehenden Wunsch von KlientInnen, auf die E-Zigarette umzusteigen guten Gewissens unterstützen. Dies gilt insbesondere für KlientInnen, bei denen bisher alle Versuche, das Rauchen aufzugeben, fehlgeschlagen sind. Der Umstieg auf die E-Zigarette kann sowohl die Reduktion des Rauchens als auch den Rauch-Stopp unterstützen, die Effekte sind nach aktueller Studienlage aber nicht außerordentlich hoch.
Die oben (Punkt 5.) aufgeführten Besonderheiten der E-Zigarette in Bezug auf Anschaffung, Verfügbarkeit von Verbrauchsmaterialien und Handhabung erfordern aber möglicherweise die Unterstützung der KlientInnen.
Vielleicht liegt in der E-Zigarette auch langfristig die Chance, die Raucherräume in der Psychiatrie etwas zu “entschärfen” und sie so auch für andere Aktivitäten nutzbar zu machen. Der Verleih der E-Zigarette seitens der Klinik z.B. während eines stationären Aufenthaltes ist vermutlich rechtlich und ökonomisch nicht opportun, aber gerade in der Psychiatrie finden sich manchmal unkonventionelle Wege, um die Situation der PatientInnen zu verbessern.

 

Vorteile
  • Rauchreduktion oder -stopp wirkt weniger bedrohlich, weil habituelle Handlungen weiter vollzogen werden können
    <br class=”clear” />
  • Positive Wirkungen des Nikotins auf Kognition und Stimmung bei psychischer Erkrankung bleiben erhalten (bei Verwendung nikotinhaltiger Liquids).
    q
  • Mit der E-Zigarette steht ein weiteres Mittel zur Raucherentwöhung vor dem Hintergrund zu Verfügung, dass der Einsatz von pharmazeutischen Anti-Craving-Mitteln bei einigen psychischen Erkrankungen umstritten ist, weil Depressionen verstärkt oder Psychosen ausgelöst werden könnten
    <br class=”clear” />
  • Vielfältige Wirkungen  des Rauschstopps
    –> Verbesserung der Lungenfunktion
    –> nach aktuellem Kenntnisstand massive Verringerung des Krebsrisikos
    –>  keine gelben Finger / Zähne
    –> kein Rauchgeruch in Wohnbereichen und Kleidung
    d
  • Langfristig könnte eine geringere Belastung der Raucherräumen in der stationären Psychiatrie diese auch anderweitig nutzbar machen.
Nachteile
  • möglicherweise Gewichtszunahme
    Leerzeile
  • Finanzierung
    –> relativ hohe Anfangsinvestition notwendig
    –> in ländlichen Regionen ist Liquidnachkauf häufig nur online möglich (nicht immer unproblematisch bei eingeschränkte Zugang zu Online-Banking)
    Leerzeile
  • Verfügbarkeit
    –> Bei kurzfristiger Klinikaufnahme ist die Verfügbarkeit von Equipment nicht immer gegeben.
    –> Planung der Bevorratung von Liquids und Verdampferköpfen nicht ganz banal, außerhalb von Städten oft nur Online-Kauf möglich
    –> Bei einigen Tanks wird eine gute Feinmotorik zum Befüllen mit Liquid vorausgesetzt.
    –> Ist die E-Zigarette nicht verfügbar, besteht hohe Wahrscheinlichkeit, dass auf Tabakerzeugnisse zurückgegriffen wird. 

 

Literatur   [ + ]

Veröffentlicht unter Ko-Morbidität, Wissenschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Rezension “Borderline begegnen. Miteinander umgehen lernen”

Auf Socialnet ist eine neue Rezension zu folgendem Buch erschienen:

Susanne Schoppmann, Matthias Herrmann, Christiane Tilly: Borderline begegnen. Miteinander umgehen lernen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2015. 143 Seiten. 19,95 EUR,

„Borderline begegnen“ tritt an, um „eine Verbindung zwischen Regel- oder Faktenwissen und einen verstehenden Zugang zum subjektiven Erleben der Betroffenen herzustellen“ (S. 15). So viel sei schon an dieser Stelle verraten, dieses Versprechen lösen die AutorInnen ein…
Rezension lesen

Veröffentlicht unter Kommunikation, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Psychoedukation geht online

Das Pharmaunternehmen Janssen-Cilag hat in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eine Internetsite mit psychoedukativem Inhalt zur Schizophrenie aufgesetzt.
Das Angebot macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck und ist wie ein typischer Online-Kurs aufgebaut. Man muss sich nicht anmelden, kann aber mittels eines Zahlencodes ein Lesezeichen setzen. Das ermöglicht die Rückkehr an eine Stelle, an der man den Kurs zuvor unterbrochen hat. Neuere Entwicklungen, wie die Psychotherapie für Menschen mit einer Schizophrenie wurden aufgenommen und auch die hohe Bedeutung der Selbsthilfe wird erwähnt.
Die in einzelnen Filmsequenzen nachempfundenen Szenen machen einen eher hölzernen Eindruck. Hier wäre sicherlich mehr drin gewesen. Auch ist der Internetauftritt nicht bis ins letzte Detail getestet worden. So funktioniert z.B. der Download des Therapieplans nicht. Auch inhaltlich ist nicht immer alles so ganz durchdacht. So werden als Baustein der Versorgung psychisch erkrankter Menschen die Personenzentrierten Hilfen für psychisch kranke Menschen unter der Abkürzung “PPM” vorgestellt. Diese sind aber unter dieser spezifischen Bezeichnung lediglich in Hamburg als spezieller Leistungstyp bekannt. Hilfesuchende aus anderen Bundesländern wird dieser Begriff nicht unbedingt bei der Suche nach Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft weiterhelfen.
Die Seiten sind trotz der kleinen Fehler auch für berufliche EinsteigerInnen in der Gemeindepsychiatrie geeignet, die eine Einführung in die Erkrankung Schizophrenie und zur psychiatrischen Versorgungsstruktur suchen. Auch sollte immer bedacht werden, dass es sich bei einem solchen Angebot nicht um eine kostenlose “Nettigkeit” eines Unternehmens handelt, sondern letztlich ein PR- oder Marketinginstrument darstellt, das letztlich rein ökonomischen Zielen dient.
http://psychose-wissen.de/

Veröffentlicht unter Fortbildung, Materialien für die Praxis | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Frohes neues Jahr

Gemeindespsychiatrie.info wünscht ein frohes neues Jahr

fireworks-417443_1280 (1)

Veröffentlicht unter Sonstiges | Hinterlasse einen Kommentar

Bericht vom DGPPN-Kongress 2014

dgppnportal_1Der DGPPN-Kongress fand in diesem Jahr erstmals im City-Cube Berlin statt. Der  charmante Siebziger-Jahre-Science-Fiktion-Style des Internationalen Congress Centrum (ICC)  wich damit einer minimalistischen Beton-Anmutung, die zwar überwiegend funktional und modern, aber irgendwie auch herzlos rüberkam. Erstmals sah ich außerdem auf dem Kongress Schlangen wartender Frauen vor der Damentoilette.
Und obwohl der neue Veranstaltungsort einerseits kompakter und weniger verwinkelt erschien, waren die Wege doch (gefühlt) mitunter länger als im ICC. Vermisst habe ich auch ein wenig die Möglichkeit, sich auf einzelnen kleinen Ebenen in höheren Stockwerken auf einer Sitzgruppe zurückziehen zu können.
So, aber nun zum Inhaltlichen. Im Folgenden werde ich von einigen Veranstaltungen berichten, die ich besucht habe und die einen allgemeinen Bezug zur Gemeindepsychiatrie haben oder für die Arbeit mit KlientInnen in der Gemeindepsychiatrie relevant sein könnten.

Gemeinde- und Sozialpsychiatrie
Wie schon in den letzten Jahren nimmt – zumindest subjektiv – die Bedeutung der Sozial- und Gemeindepsychiatrie auf dem Kongress zu – immerhin gibt es auch ein Referat Gemeindepsychiatrie innerhalb der DGPPN.  Der Begriff taucht zunehmend auch in Sitzungstiteln auf und wird z.B. im Zusammenhang mit der Forensik, Gemeindepsychiatrischen Verbünden und vor allem mit der Integrierten Versorgung thematisiert. Auch die Wahl von Prof. Dr. Arno Deister (Itzehoe) zum President Elect lässt weitere Hoffnung keimen, kommt er doch aus einem sozialpsychiatrischen Kontext und hat sich beim letzten DGPPN-Kongress erfreulich kritisch bzw. differenziert in Bezug auf Zwangsbehandlung geäußert, ebenso wie die Präsidentin der nächsten zwei Jahre, Dr. Iris Hauth aus Berlin.
Die Bedeutung der Gemeindepsychiatrie für die Versorgung schwer psychisch erkrankter Menschen wird auch in einem Abstract von Raoul Borbé deutlich, in dem die Klinik bei dieser Klientel als komplementärer Partner der Gemeindepsychiatrie definiert wird. In diesem Zusammenhang wird aber auch zunehmend angemahnt, dass die gemeindepsychiatrischen Akteure ihr Handeln nach außen transparenter machen müssten. Auch wird die Forderung nach Wirksamkeitsnachweisen immer lauter. Diese sind in der medizinischen Versorgung selbstverständlich und werden gerne aus Sicht der Leistungserbringer in der Eingliederungshilfe mit dem Argument abgelehnt, dass die sozialarbeiterische/-pädagogische Auseinandersetzung mit den KlientInnen nicht messbar sei.
Wirksamkeitsmessung gemeindepsychiatrischer Tätigkeit
Das dies doch möglich ist, wenn sich die entsprechenden Einrichtungen darauf einlassen, zeigt der Vortrag von Prof. Dr. Ingmar Steinhart zur “Etablierung eines Konzeptes zur Wirkungsorientierung im Gemeindepsychiatrischen Verbund – Beispiel Hansestadt Rostock”. Im Rahmen des Modellprojektes wurden verschiedene Instrumente zur Wirksamkeitsmessung entwickelt und in der Anwendung erprobt. Bei der Wahl der Instrumente achtete man insbesondere darauf, dass diese für die AnwenderInnen nicht zu komplex und zeitraubend sind, um die Anwendbarkeit im beruflichen Alltag zu erleichtern.
Zu diesen Instrumenten gehört z.B. die Formulierung von smarten und somit messbaren Zielen in der Hilfeplanung und die Einschätzung der verwirklichten Ziele nach einem definierten Zeitraum auf der Grundlage einer sehr einfach gehaltenen Skala (Goal Attainment Scaling). Weitere Instrumente, die zum Einsatz kamen,  waren z.B. die Manchester Short Assessment of Quality of Life (MANSA) mit dem die Lebensqualität der KlientInnen gemessen werden kann. Vorgesehen war außerdem, dass die ambulant behandelnden Fachärzte und PIAs die Global Assessment of Functioning (GAF) ausfüllen. Dies wurde aber lediglich durch die PIAs  bewerkstelligt, weil die niedergelassenen Ärzte sich hierzu aus Kostengründen nicht bereit erklärten.
Als Erhebungszeitpunkt für die Zielerreichung  wurde die Hilfeplanung ein Jahr nach Beginn der Eingliederungshilfe gewählt. Da es sich um ein Modellprojekt handelt, werden die Instrumente aktuell noch weiter entwickelt bzw. modifiziert. Sieht man von den niedergelassenen Fachärzten ab, wurde laut Referenten das Modellvorhaben von den Akteuren gut angenommen und einer Fortführung steht wohl nichts im Wege.

“Hanauer Modell”
Besonders beeindruckend war der Vortrag von Dr. Thomas Schillen zum “Hanauer Modell”. In Hanau wurden an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie 40% der stationären Betten abgebaut. Alle gesetzlich versicherten Patienten sind im Modell erfasst. Die PatientInnen werden stattdessen von einem ambulanten Akutbehandlungsteam (AAB) behandelt. Der potentiellen Sorge aus Perspektive der Gemeindepsychiatrie, hierdurch würden klassische gemeindepsychiatrische Leistungen durch die Klinik erbracht, begegnet er mit dem Hinweis darauf, dass ausschließlich psychiatrisch-medizinische Leistungen erbracht würden. Die behandelten PatientInnen haben alle eine Indikation zur stationären Behandlung, die nun eben ambulant erbracht würde.  Schillen weist in seinem Vortrag auch darauf hin, dass für die PatientInnen in diesem Behanldungssetting kein Zwang möglich ist und die Behandlung somit UN-BRK-konfom sei.

Patientenautonomie – auf dem Weg zu einer umfassenden Ethikstrategie der DGPPN
Bei der Veranstaltung zu einer Ethikstrategie der DGPPN stellt Felix Hohl-Radke eine interessante Übersicht über die verschiedenen Psych-KGs  vor, die deutlich machte, wie unterschiedlich in den Bundesländern mit psychisch kranken Menschen in schweren Krisen umgegangen wird oder werden darf.  Hohl-Radke merkt außerdem in seinem Vortrag an, dass sieben von 16 unterschiedlichen Gesetze bis heute nicht aktualisiert wurden (Stand des Kongresses). Der Referent spricht vor dem Hintergrund der heterogenen Gesetzeslage die Problematik des Förderalismus an, wenn es um Gesetze geht, die ethische Aspekte beinhalten.  Zu den Zielen einer Zwangsunterbringung gehören u.a. das Abwenden von Schaden für den Betroffenen selbst oder Dritte, Heilung und Besserung der zu Unterbringung führenden Krankheit, das Wiederherstellen der Voraussetzung für eine freie Selbstbestimmung und das Wiederherstellen der Fähigkeit zum Leben in der Gemeinschaft.
Prof. Peter Falkai stellt in seinem Vortrag Zahlen zu den Patienten vor, bei denen eine Zwangsmaßnahme durchgeführt wurden.  Rund 8-10% der  120 00 stationär wegen einer psychischen Erkrankung behandelten Patienten werden zwangsbehandelt. Falkai betont insbesondere den nicht geringen Anteil von Menschen mit hirnorganischen Psychosysndrome, die zwangsbehandelt werden, während bei den Praktikern Zwangsmaßnahmen oft mit Patienten assoziiert wird, die an einer Schizophrenie litten. Er plädiert für eine statistische Erfassung der Zwangsmaßnahmen und die systematische Einführung von Behandlungsvereinbarungen, um Zwangsmaßnahmen zu verhindern oder zu verringern.

State-of-the-Art-Symposium
Zwangsstörungen
Bei diesem Symposium beeindruckt Prof. Dr. Fritz Hohagen jedes Jahr aufs Neue durch den ruhigen und auch für Nichtmediziner gut verständlichen Vortragsstil. Neu waren für mich die folgenden Information,

  • Zwangsstörungen, die mit Ängsten verbunden sind (z.B. Angst vor Blutpartikeln oder Bakterien an Türklinken) sind besser zu behandeln als solche, die nur gering mit Ängsten assoziert sind. Deswegen ist die Prognose u.a. bei Personen die Gegenstände oder Müll horten eher schlechter und die Störung gegenüber Therapien (sowohl medikamentös als auch verhaltenstherapeutisch) resistenter.
  • Expositionsübungen im Rahmen der Verhaltenstherapie dauern sehr viel länger als bei der Behandlung von Angsterkrankungen. Viele Behandler führen diese Übungen deshalb nicht durch.
  • Bei der medikamentösen Therapie von Zwangsstörungen mit SSRIs müssen sehr viel höhere Dosierungen als bei depressiven Erkrankungen eingenommen werden, um eine Wirkung zu erzielen.
  • Behandlung der ersten Wahl ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Nur wenn eine schwere komorbide Depression vorliegt oder eine den Leitlinien entsprechende KVT  (also mit Expositionsübungen) nicht zum Erfolg geführt hat, sollte eine Psychopharmakotherapie angeboten werden. Weitere Indikationen sind eine Ablehnung der KVT durch den Patienten sowie eine Schwere der Störung, die eine KVT zunächst verhindert und durch die medikamentöse Therapie ermöglicht werden kann.
.

State-of-the-Art-Symposium
Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Prof. Dr. Klaus Lieb und Prof. Dr. Martin Bohus stellten in ihren Symposium zur Borderline-Persönlichkeitsstörung wieder interessante Neuigkeiten aus der Forschung vor. Hier eine kleine Zusammenfassung:

  • Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), die durch Pflegekräfte durchgeführt wurde, hat ebenfalls eine hohe Wirksamkeit bewiesen.
  • Für die DBT gibt es den besten Wirknachweis, gefolgt von der Schema-Fokussierten Therapie (SFT) und der Übertragungsfokussierten Psychotherapie (TFP)
  • Für Kurzzeittherapien wie z.B. Stepps gibt es Hinweise auf die Wirksamkeit in einzelnen Problembereichen (z.B. Dissoziation), wenn diese in Verbindung mit einer anderen Einzeltherapie stattfinden. Eine Ausnahme bildet hier das Skillstraining der DBT.
  • Olanzapin hat bei einer BPS einen leichten bis mittleren Effekt auf das Auslösen von Suizidalität und sollte deshalb nicht verwendet werden. Für Quetiapin gibt es eine leichte Evidenz für einzelne Symptome.
  • Es gibt keinen Effekt von SSRI-Antidepressiva auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Diese sollten ausschließlich bei komorbider Depression eingenommen werden.
  • PatientInnen mit Borderline-Störung schätzen glückliche Gesichter weniger glücklicher ein. Sie nehmen also positive Signale weniger gut auf, als Nicht-Betroffene. Gleichzeitig trauen sie selbst ihrem Urteil hinsichtlich positiver Emotionen nicht.
.

Veröffentlicht unter Fortbildung, News, Veranstaltungen, Wissenschaft | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Weihnachtsgrüße

Weihnachtsbaum-1

Allen Leserinnen und Lesern von Gemeindepsychiatrie.info wünsche ich schöne und erholsame Weihnachtsfeiertage.
Es grüßt Sie
Ilja Ruhl

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Projekt “Kunst ohne Grenzen / Sinnes- und Ideenwelten” sucht Unterstützer

Im Rahmen der  Messe “Swiss Handicap`14″ in Luzern findet unter anderem das Projekt “Kunst ohne Grenzen / Sinnes- und Ideenwelten” statt.  Ziel des Projektes ist – laut Projektbeschreibung – psychische Gesundheit wahrzunehmen und auf Bedürfnisse der Menschen mit psychischen Erkrankungen, chronischen Störungen und Behinderungen aufmerksam zu machen. “Kunst ohne Grenzen“ will begeistern, Ideen- und Sinneswelten wahrzunehmen, selbst zu gestalten, zum Nachdenken und Handeln bewegen. Stimmungen und Lebensgefühle sind Artefakte psychosozialer Aktionen in einem Augenblick, die als andauernder Wert und wertvolles Gut unserer Kultur vermittelt werden können. Für das Projekt werden noch ideelle und finanzielle Unterstützer gesucht.
Interessierte finden umfangreiche weitere Informationen in der folgenden PDF-Datei:
Download “Kunst ohne Grenzen” (PDF)

Veröffentlicht unter Sonstiges | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Rezension zu Thomas Bock u.a. “Sinnsuche und Genesung”

Bücher_RezensionAuf Socialnet gibt es ein neue Rezension zum Buch von Thomas Bock u.a.: “Sinnsuche und Genesung. Erfahrungen und Forschungen zum subjektiven Sinn von Psychosen”:

Auszug:
Das AutorenInnenteam um Thomas Bock nahm die SuSi-Studie zum Anlass, ein Buch über Sinnsuche und Genesung im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu publizieren. Die theoretischen Grundlagen zur empirischen Studie, die sich mit dem Sinn psychischer Erkrankungen befasst, werden ausführlich vorgestellt und sind für viele LeserInnen sicherlich interessantes Neuland.
Komplette Rezension lesen (auf socialnet)

 

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Rezension | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

KlientInnen in Kontakt bringen: Pumpipumpe

01_pumpipumpe_logoVon einem tollen Projekt aus der Schweiz könnten besonders KlientInnen profitieren, die Schwierigkeiten beim Aufbau von Kontakten zur Nachbarschaft oder einer Hausgemeinschaft haben, sich diesen Kontakt aber wünschen. Auf der Internetseite des Projekts können Aufkleber bestellt werden, auf denen Gegenstände abgebildet sind, die man gerne an Nachbarn verleihen würde. Diese Aufkleber werden dann mit dem einem entsprechenden Hinweis-Sticker am Briefkasten angebracht, um Nachbarn darauf aufmerksam zu machen. Die Sticker werden kostenlos verschickt. Folgende positive Effekte können sich hier für KlientInnen einstellen:

– Nachbarn kommen auf einen zu, Kontakte werden gefördert.
– Häufig sind KlientInnen diejenigen, die Hilfe durch andere erfahren, hier erleben sie das Gefühl, dass sich andere über ihre Unterstützung freuen.
– finden sich in der Nachbarschaft Nachahmer, so kann mitunter Geld gespart werden, weil bestimmte Anschaffungen nicht nötig sind (man kann sie sich ja gelegentlich ausleihen).
– Ökologische und nicht zuletzt finanzielle Ressourcen werden geschont

Hier geht es zur Homepage von PumpiPumpe

 

Veröffentlicht unter Inklusion, Kommunikation, Materialien für die Praxis | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Vorgestellt: Zeitschrift “Treffpunkte”

ZeitschriftenDie Zeitschrift “Teffpunkte” wird herausgegeben von der Bürgerhilfe Sozialpsychiatrie Frankfurt am Main e.V. Sie sieht sich als Sprachrohr für alle Akteure der Sozialpsychiatrie. Ihr Schwerpunkt liegt zwar auf der Region Rhein-Main und Hessen, die Themen haben aber häufig einen überregionalen Bezug. Die Zeitschrift berichtet z.B. von Projekten der integrierten Versorgung und über das neue DSM V oder zu einer Fachtagung zum Thema “Nähe und Distanz. Die Vorstellung neuer regionaler Projekte gibt immer wieder Anregungen für die Arbeit im eigenen regionalen Umfeld. Wer in alten Ausgaben der Zeitschrift stöbern möchte, findet ein umfangreiches Archiv der kompletten Ausgaben, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind.
Der Link zum Archiv:
http://www.bsf-frankfurt.de/archiv/

Veröffentlicht unter Medien, Zeitschriften | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar