E-Zigarette: Alternative zum Rauchen für Menschen mit psychischer Erkrankung?

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Die E-Zigarette ist eine Möglichkeit, um vom Rauchen abstinent zu werden oder den Zigarettenkonsum zu reduzieren. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen rauchen überdurchschnittlich häufig und können u.U. von der E-Zigarette profitieren. In diesem Beitrag wird sowohl die besondere Situation psychisch erkrankter Zigaretten-RaucherInnen berücksichtigt, als auch die Besonderheiten einer Entwöhnung oder Reduzierung des Zigaretten-Konsums vor dem Hintergrund der psychischen Erkrankung thematisiert. Mögliche Implikationen für die Praxis werden erläutert.

Die E-Zigarette wird immer populärer. Eingeführt wurde sie 2008, der Markt für die E-Zigarette gilt als lukrativ für Investoren.1http://www.aerzteblatt.de/archiv/159692/Die-E-Zigarette-praeventivmedizinische-
pneumologische-und-suchtmedizinische-Aspekte?src=search
Auch wenn die E-Zigarette vermeintlich ein Nischendasein fristet, so finden sich doch mittlerweile sehr aktive Lobbyisten, 2http://ig-ed.org/ die versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Der Handel für E-Zigaretten ist insofern transparent, als auf fast allen Händlerseiten deutlich gemacht wird, dass E-Zigaretten und das Zubehör nicht an Personen unter 18 Jahren verkauft werde und für verschiedene Risikogruppen  nicht geeignet sei. Wie eine Altersüberprüfung stattfindet ist aber in der Regel nicht klar. Aktuell streiten sich Vertreter der die Lobbyisten der E-Zigarette und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) darüber, inwieweit die Werbestrategien für E-Zigaretten und E-Shishas Jugendliche zum Konsum selbiger animieren.3http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/vorbeugung/
experten-nehmen-e-zigarette-ins-visier-poppiges-
e-zigaretten-design-macht-kinder-zu-dampfern_id_4324875.html

Auch sind die Tabakhersteller mittlerweile in den Markt für E-Liquids, den Flüssigkeiten zum Gebrauch von E-Zigaretten, eingestiegen und betreiben dabei ein aggressives Marketing.4http://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/E-Zigaretten-Welche-Tabakhersteller-
vom-neuen-Zugpferd-der-Branche-profitieren-1000170047/3

Das sollte alles bei der Einschätzung der E-Zigarette bedacht oder zumindest im Hinterkopf behalten werden.

http://vaping360.com/

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1. Gesundheitsgefährdung
Grundsätzlich gibt es trotz unzähliger Studien keine eindeutige Sachlage zu der Frage wie sehr E-Zigaretten die Gesundheit langfristig gefährden. Vor dem Hintergrund einer bestehenden Tabakabhängigkeit  sind sich viele Experten aus verschiedenen Bereichen (z.B.  Suchtmedizin, Toxikologie) aber mittlerweile soweit einig, dass die E-Zigarette gegenüber der Tabakzigarette die deutlich weniger schädliche Alternative darstellt.  Einen guten Überblick verschafft dieser Artikel im Ärzteblatt. Neben der Eigengefährdung der „Dampfer“ selbst spielt im Alltag auch die Gefährdung der Personen im Umkreis eine Rolle. Auch hierzu gibt es noch sehr wenig Studien. Eine Gefährdung durch Passiv-Dampfen kann nicht ausgeschlossen werden, gilt aber als sehr viel weniger belastend als Zigarettenrauch. Nach aktuellem Wissensstand sollten sich DampferInnen in der Öffentlichkeit wie ZigarettenraucherInnen verhalten und sich am Raucherschutzgesetz orientieren. Das heißt, in öffentlichen Räumen wie Kneipen, Restaurant usw. auf das Dampfen verzichten, es sei denn, eine Erlaubnis ist eindeutig, z.B. durch einen Kneipenbesitzer erteilt worden.

2. E-Zigarette als Mittel zur Raucherentwöhnung
Auch wenn viele E-Zigaretten-User, oder wie sie sich auch selbst nennen, Dampfer, davon berichten wie ihnen die E-Zigarette bzw. das Dampfen geholfen hat, vom Rauchen wegzukommen, ist die Studienlage zum Entwöhnungseffekt nicht überragend. Die unabhängige  Cochrane Collaboration  kommt in einer Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass die E-Zigarette helfen kann, sich vom Tabak-Rauchen zu entwöhnen,5http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/
suchtkrankheiten/article/876485/e-zigarette-kleine-hilfe-weg-nicht-raucher.html
die Effekte sind aber relativ gering und gleichen denen von Nikotinpflastern. Entscheidend für einen Effekt ist im Übrigen die Verwendung von Liquids mit Nikotin (9 Prozent Abstinenz gegenüber 4 Prozent bei Liquid ohne Nikotin).  Die Autoren räumen aber auch ein, dass weitere Studien mit moderneren Geräten zur Nikotin-Verdampfung die Ergebnisse noch mal stark verschieben können (ebd.).  Immerhin haben 36 Prozent derjenigen, die E-Zigaretten mit Nikotin benutzten, ihren Zigarettenkonsum um die Hälfte reduziert. RaucherInnen, die nicht vorhaben, das Rauchen aufzugeben, haben in einer Studie den täglichen Tabakzigarettenkonsum mittels der E-Zigarette reduziert, ein kleine Gruppe (12,5%) um 80%.6http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3203079/

3. Funktionsweise der E-Zigarette
Der Aufbau der E-Zigarette ist im Prinzip immer sehr ähnlich. Zwar gibt es immer wieder Unterschiede, das Grundprinzip ist aber zumeist gleich oder ähnlich. Eine E-Zigarette  besteht aus einem Akku, einer Verdampfer-Einheit mit Tank, dem Verdampfer-Kopf und einem Mundstück (Drip-Tip). Das Liquid wird in den Tank eingefüllt und über den Verdampfer vernebelt. Die Energie für diesen Vorgang kommt vom Akku.

Grafik DER SPIEGEL E-Zigarette

Quelle: Spiegel-Online

Das Liquid ist dabei das Produkt, das permanent verbraucht wird und erneuert werden muss. Eine eindeutige Verbrauchsangabe ist dabei schwierig, weil der Verbrauch vom Dampf-Verhalten und von den entsprechenden Geräten abhängig ist. Zudem kommen noch die Kosten für die Verdampferköpfe hinzu, die auch in Abhängigkeit vom Dampfverhalten verschleißen. Grundsätzlich gilt das Dampfen aber gegenüber dem Zigaretten-Rauchen als sehr viel günstiger.
Bei einem Umstieg auf das Dampfen sollte man meines Erachtens Abstand von technischen Lösungen nehmen, die das Aussehen und die Größe einer herkömmlichen Zigarette haben und z.B. durch eine LED sogar die Glut imitieren. Bei diesen E-Zigaretten muss das Liquid aufgrund des kleinen Tanks sehr häufig nachgefüllt werden, außerdem sind die Akkus meist sehr schnell leer und müssen dann wieder aufgeladen werden.

3. E-Zigaretten und psychische Erkrankung
Der Anteil der RaucherInnen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wird auf 75 bis 85% geschätzt und liegt damit sehr hoch.7http://journals.lww.com/amjmedsci/Abstract/2003/10000/Serious_Mental_Illness
_and_Tobacco_Addiction__A.14.aspx
Während in der Allgemeinbevölkerung der Anteil der RaucherInnen in den letzten 40 Jahren gesunken ist, zeigten sich bei den Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen keine Veränderungen (ebd.). Alarmierend ist der sehr viel höhere Anteil von psychisch erkrankten Menschen, die an einer COPD leiden (im Vergleich zu nicht psychisch erkrankten Gleichaltrigen).8http://ajp.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.161.12.2317 Neben den massiven negativen Auswirkungen des Rauchens auf die körperlichen Funktionen profitieren Menschen, die an einer Schizophrenie leiden besonders von den psychoaktiven Wirkungen des Rauchens.  So verbessern sich durch das Rauchen die kognitiven Leistungen9http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18558153 und depressive Symptome sowie Stressempfinden lassen nach.10http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21723317
Trotz dieser, das Tabak-Rauchen eher begünstigenden Faktoren gibt es  Hinweise darauf, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung empfänglicher für den Gebrauch von E-Zigaretten sind, als nicht-betroffene Menschen. 11http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4145659/12https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27900650

4. E-Zigarette bei vorerkrankter Lunge
E-Zigaretten werden für die Entstehung von COPD bisher nicht verantwortlich gemacht. Es stellt sich die Frage, ob eine Substitution mit E-Zigaretten bei Menschen mit einer vorgeschädigten Lunge (z.B. diagnostizierte COPD) ratsam sein kann. Sollten alle anderen Methoden zu Erreichung eine Abstinenz bisher erfolglos gewesen sein, so wird der Rückgriff auf die E-Zigarette bei Personen  mit COPD zumindest nicht grundsätzlich abgelehnt.13http://www.lungenarztpraxis-tegel.de/uploads/E-Zigarette%20-%20Pro%20und%20Contra_1.0.pdf
Eine Studie belegt mittlerweile große Vorteile der Substitution des Rauchens mittels der E-Zigarette bei COPD. 14https://respiratory-research.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12931-016-0481-x
Sollten ein Klient mit Vorerkrankung Interesse an einem (teilweisen) Umstieg auf die E-Zigarette haben, ist die Rücksprache mit dem Haus- oder gegebenenfalls Lungenfacharzt obligatorisch. Dabei muss man sich als betreuende Person darauf einstellen, dass die ÄrztInnen sehr skeptisch gegenüber dem Dampfen sind.  Sollten in der Vergangenheit alle anderen Alternativen zur Abstinenz-Therapie bereits erfolglos gewesen sein, dann könnte der Einsatz der E-Zigarette als weitere Therapie-Option erwogen werden.

5. (Mögliche) Hürden für Menschen mit psychischer Erkrankung
Trotz der vielen Vorteile der E-Zigarette ergeben sich in der praktischen Anwendung auch Nachteile gegenüber der herkömmlichen Zigarette, die insbesondere für Menschen mit einer schwereren psychischen Erkrankung eine Hürde darstellen können. So sind die Anfangsinvestitionen für ein gutes Gerät mit mindestens 30 bis 40 Euro recht hoch. Zudem sind die den Geräten beigelegten Anleitungen mitunter sehr rudimentär, viele Anfänger informieren sich deshalb im Internet über die Handhabung  der Geräte. Einen Internetzugang haben aber Menschen mit einer psychischen Erkrankung häufig aus Kostengründen nicht und Internetcafes sind auch nicht in jeder Region einfach zu erreichen. Aus dem gleichen Grund ist die Anschaffung oft erschwert, weil dort, wo es keine entsprechenden Läden gibt, den KäuferInnen lediglich die Online-Bestellung eines Gerätes bleibt. Weil viele Betroffene, die unter einer rechtlichen Betreuung stehen, aber nur einen eingeschränkten Zugriff auf ihr Bankkonto haben, ist der Online-Kauf von E-Zigaretten und Verbrauchsmaterialien  erschwert oder gar unmöglich.
Ein weiterer Nachteil der E-Zigaretten ist ihre Handhabung, die bei einigen Geräten ein gewisses Geschick erfordert. So ist das Auffüllen der Liquid-Tanks für Menschen mit einem Tremor oder eingeschränkter Feinmotorik ein recht schwieriges Unterfangen. Problematisch ist auch die notwendige Bevorratung mit Liquids und Verdampferköpfen. Diese setzt ein gewisses Maß an Planung voraus, um nicht plötzlich ohne Material dazustehen und dann doch wieder auf die herkömmliche Zigarette (vermehrt) zurückzugreifen. Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich unter Umständen auch bei einer kurzfristigen oder ungeplanten Aufnahme in die Psychiatrie.

6. Implikationen für die gemeindepsychiatrische Praxis
Nach heutigem medizinischen Kenntnisstand können MitarbeiterInnen den bestehenden Wunsch von KlientInnen, auf die E-Zigarette umzusteigen guten Gewissens unterstützen. Dies gilt insbesondere für KlientInnen, bei denen bisher alle Versuche, das Rauchen aufzugeben, fehlgeschlagen sind. Der Umstieg auf die E-Zigarette kann sowohl die Reduktion des Rauchens als auch den Rauch-Stopp unterstützen, die Effekte sind nach aktueller Studienlage aber nicht außerordentlich hoch.
Die oben (Punkt 5.) aufgeführten Besonderheiten der E-Zigarette in Bezug auf Anschaffung, Verfügbarkeit von Verbrauchsmaterialien und Handhabung erfordern aber möglicherweise die Unterstützung der KlientInnen.
Vielleicht liegt in der E-Zigarette auch langfristig die Chance, die Raucherräume in der Psychiatrie etwas zu „entschärfen“ und sie so auch für andere Aktivitäten nutzbar zu machen. Der Verleih der E-Zigarette seitens der Klinik z.B. während eines stationären Aufenthaltes ist vermutlich rechtlich und ökonomisch nicht opportun, aber gerade in der Psychiatrie finden sich manchmal unkonventionelle Wege, um die Situation der PatientInnen zu verbessern (Stichwort „Sozial-Zigaretten“).

 

Vorteile
  • Rauchreduktion oder -stopp wirkt weniger bedrohlich, weil habituelle Handlungen weiter vollzogen werden können
    <br class=”clear” />
  • Positive Wirkungen des Nikotins auf Kognition und Stimmung bei psychischer Erkrankung bleiben erhalten (bei Verwendung nikotinhaltiger Liquids).
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  • Mit der E-Zigarette steht ein weiteres Mittel zur Raucherentwöhung vor dem Hintergrund zu Verfügung, dass der Einsatz von pharmazeutischen Anti-Craving-Mitteln bei einigen psychischen Erkrankungen umstritten ist, weil Depressionen verstärkt oder Psychosen ausgelöst werden könnten
    <br class=”clear” />
  • Vielfältige Wirkungen  des Rauschstopps
    –> Verbesserung der Lungenfunktion
    –> nach aktuellem Kenntnisstand massive Verringerung des Krebsrisikos
    –>  keine gelben Finger / Zähne
    –> kein Rauchgeruch in Wohnbereichen und Kleidung
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  • Langfristig könnte eine geringere Belastung der Raucherräume in der stationären Psychiatrie diese auch anderweitig nutzbar machen.
Nachteile
  • möglicherweise Gewichtszunahme
    Leerzeile
  • Finanzierung
    –> relativ hohe Anfangsinvestition notwendig
    –> in ländlichen Regionen ist Liquidnachkauf häufig nur online möglich (nicht immer unproblematisch bei eingeschränktem Zugang zu Online-Banking)
    Leerzeile
  • Verfügbarkeit
    –> Bei kurzfristiger Klinikaufnahme ist die Verfügbarkeit von Equipment nicht immer gegeben.
    –> Planung der Bevorratung von Liquids und Verdampferköpfen nicht ganz banal, außerhalb von Städten oft nur Online-Kauf möglich
    –> Bei einigen Tanks wird eine gute Feinmotorik zum Befüllen mit Liquid vorausgesetzt.
    –> Ist die E-Zigarette nicht verfügbar, besteht hohe Wahrscheinlichkeit, dass auf Tabakerzeugnisse zurückgegriffen wird. 

Ergänzung: Eine gute (englischsprachige) Zusammenfassung der Möglichkeiten (und Hürden) des Rauschstopps durch E-Zigaretten im psychiatrischen Bereich bietet der kurze Text von Louise Ross: http://www.clivebates.com/?p=3014

Ergänzung II (04.08.16): Interview mit Lousise Ross, die von Ihren Erfahrungen in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen und E-Zigaretten erzählt (Englisch)  https://youtu.be/hiw9wiPHCIg

Ergänzung III (29.10.2016)
Mittlerweile gibt es eine (stellenweise etwas holprige) Übersetzung der wohl umfangreichsten Arbeit zum aktuellen internationalen Stand der E-Zigarettenforschung. Der Text kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Literatur   [ + ]

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