Keine Innovationen in der medikamentösen Therapie und die Glaubwürdigkeitsfalle der TK

SONY DSCEine ernüchternde Bilanz zieht der Innovationsbericht der Techniker Krankenkasse bei der Beurteilung jener neuen Medikamente, die 2011 auf den Markt kamen. Die Liste der Präperate, die 2011 eingeführt wurden, enthält lediglich ein Psychopharmakon (Asenapin). Bei dem Wirkstoff handelt es sich um ein atypisches Neuroleptikum, das in Deutschland zur Behandlung von manischen Phasen bei einer bipolaren Störung zugelassen ist. Die Zulassung in den USA erfolgte bereits im August 2009. Dort ist die Indikation etwas breiter und umfasst auch die Akut- und Erhaltungstherapie der Schizophrenie. Der Innovationsbericht der Techniker Krankenkasse schätzt den Innovationsgehalt von Asenapin als gering ein. In der Wirkung unterscheidet sich der Wirkstoff Medikament nicht von solchen, die bereits (bei niedrigeren Preisen) auf dem Markt sind. Bei den Nebenwirkungen gibt es in Bezug auf die unerwünschte Gewichtszunahme einen leichten Vorteil gegenüber Olanzapin, die Studienlage ist insgesamt aber wohl eher dünn.

Der Innovationsbericht, den die Techniker Krankenkasse u.a. von Glaeske hat anfertigen lassen, bestätigt erneut, dass die Pharmakologie im Bereich der Psychiatrie seit Jahren auf der Stelle tritt. Vor diesem Hintergrund ist das Umschwenken in Richtung einer stärker sozialpsychiatrisch und psychotherapeutisch orientierten Forschung wünschenswert, liegt hier doch womöglich das Potential für wirkliche Innovationen. Die Entwicklung der mit Evidenz belegten DBT bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), die ziemlich resistent gegenüber psychopharmakologischer Interventionen ist, zeigt wie wichtig die wissenschaftliche Fokussierung auf Therapieverfahren ohne Medikation ist. Gerade weil die psychopharmakolgischen Innovationen über eine lange Zeit ausbleiben, muss sich die Perspektive ändern. Bei der BPS war man aufgrund der oben angesprochenen Resistenz gezwungen, alternative wirksame Behandlungswege zu finden.

Die Tatsache, dass andere psychische Erkrankungen auf medikamentöse Behandlung zum Teil bei einem gleichzeitig hohen Maß an Nebenwirkungen respondieren, darf den Blick für die Entwicklung weiterer Therapieoptionen nicht verstellen. Hier ist letztlich die Politik gefragt, die Geld für diesen Forschungssektor bereit stellen müsste. Zwar dringt die Pharmaindustrie mittlerweile auch in gemeindepsychiatrische Bereiche (z.B. Niedersachsen) vor, aber die Motive sind sicherlich eher absatzorientiert. Die Finanzierung von Studien zu „alternativen“ Ansätzen durch ein Pharmaunternehmen ohne gleichzeitigen Produktabsatz ist mir bis heute nicht bekannt.

„Hohe Kosten statt medizinischer Fortschritt – Studie weist geringes Innvationspotenzial neuer Arzneimittel nach“ Innvationsreport 20013 der Techniker Krankenkasse

Randnotiz: Die Techniker Krankenkasse kündigt ihren Innovationsreport mit der kritischen Überschrift an: „Hohe Kosten statt medizinischer Fortschritt – Studie weist geringes Innvationspotenzial neuer Arzneimittel nach“.
Den Auftrag zu einer solchen Studie zu vergeben ist sicherlich nicht ehrenrührig – im Gegenteil. Mehr als ärgerlich wird es aber dann, wenn die selbe Krankenkasse mit den Beiträgen ihrer Mitglieder Placebos (Homöopathie) finanziert. Hier spielen letztlich rein finanzielle Erwägungen eine Rolle, nach dem Motto Geld schlägt Evidenz.

Mit der Aufnahme der homöopathischen Behandlung verspricht sich die TK einen Zulauf von Mitgliedern mit einem höheren Einkommen. Wahrscheinlich geht die Rechnung sogar auf. Menschen, die aufgrund ihres sozioökonomischen Status meistens ziemlich gesund sind, lassen sich Homöopathika verschreiben gegen Krankheiten, die genauso ohne Behandlung ausheilen würden. Die Kosten der Behandlung sind – so das Kalkül der TK – geringer, als die Mehreinnahmen durch Mitglieder mit hohem Einkommen. Krankenkassen verpflichten sich schließlich auch, wirtschaftlich im Sinne ihrer Mitglieder zu handeln, Aber bitte nicht zum Preis der Unglaubwürdigkeit. Also nicht einerseits auf hohe Evidenz pochen und andererseits mit der elitär verschwurbelten Unvernunft zahlungskräftiger Mitglieder liebäugeln. Die können ihre Kügelchen ohne Wirkung auch aus der eigenen Tasche bezahlen. Sonst zahle ich irgendwann mit meinen Beiträgen auch die Astro-Therapie und den Handaufleger.

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