Kurzzusammenfassung zum Besuch auf dem DGPPN-Kongress 2013

KonferenzraumHier einige, eher schlagwortartige Eindrücke vom DGPPN-Kongress 2013 in Berlin

Peer-Support
Eine vielleicht steile These: In den nächsten Jahren wird der klinische Bereich die Gemeindepsychiatrie bei der Beschäftigung von Peers überholen. Der Peer-Support wird in den Kliniken eine rasche Professionalisierung vollziehen, auch weil dort mehr Finanzierungsmöglichkeiten, z.B. über Forschungs- und Projektgelder bestehen. Diesen Eindruck muss beim Blick in das Kongressprogramm und beim Besuch diverser Veranstaltungen tatsächlich bekommen. Das Thema Peer-Support fristet dort mittlerweile kein Schattendasein mehr. Die Veranstaltungen zum Thema auf denen ich war, sind verhältnismäßig gut besucht gewesen.

Psychopharmaka
Keine Innovationen und business as usual. Überraschend war aber, dass einer der größten Stände der Industrie-Ausstellung kein Medikament bewarb, sondern ein Online-Programm zur Unterstützung von Menschen mit Bipolarer Störung und Unipolaren Depressionen. Ansonsten die üblichen Freizeitangebote für KongressbesucherInnen, die die keinem dörflichen Pfarrfest in ihrem Einfallsreichtum nachstehen.

Zwangsbehandlung
Das Thema Zwangsbehandlung wurde in mehreren Veranstaltungen zum Teil sehr kontrovers diskutiert,  wobei nicht ausschließlich Psychiatrieerfahrene ihre kritische Perspektive dargelegt haben, sondern vereinzelt auch Klinikärzte. Publizierte  Zahlen zu Veränderungen z.B. in Bezug auf die Zunahme von aggressiven Patientenübergriffen auf Akutstationen während der Phase, als man aus rechtlichen Gründen auf Zwangsbehandlung verzichtete, gibt es bisher m.W. nicht. Zwei Klinikleiter stellten die Ergebnisse ihren kleinen Erhebungen vor, diese kamen zu unterschiedlichen Resultaten (steigende Anzahl vs. gleichbleibende Zahlen). Letztlich stellt sich hier auch die Frage, welche Faktoren in Kliniken ohne Zwangsbehandlungen präventiv in Bezug auf aggressive Übergriffe wirken. Auffällig ist bei den ärztlichen BefürworterInnen der Zwangsbehandlung, dass bei Ihren Vorträgen der Zuhörer immer den Eindruck hat, es wird ausschließlich von medikamentöser Behandlung gesprochen und nur auf Nachfrage mit großer Selbstverständlichkeit plötzlich die Ablehnung einer Psychopharmakatherapie respektiert würde, wenn der Patient/die Patient sich auf eine Alternative (z.B. Psychotherapie) einlassen könnte.

Healing Design/Architecture
Eine neue Begrifflichkeit habe ich auch gelernt, was sicherlich hilft, den Beitrag zu Psychiatrie und Architektur zu ergänzen. Zum Thema Healing Architecture wurde ein Symposium angeboten, dessen Vorträge – wenn auch interessant – leider kaum konkrete Bezüge zur Psychiatrie hatten.   Aber mit „healing design“ und „psychiatry“ als Suchwörter bei diversen Suchmaschinen eröffnet sich ein ganz neuer Kosmos.

Mezis e.V. Mein Essen zahl ich selbst
Die Initiative „Mezis e.V.“ war ebenfalls wieder mit einem Stand vertreten. Ein kleiner nur, im Vergleich zu denen der Pharmafirmen, aber um so bemerkenswerter. Die Initiative setzt sich für die Unabhängigkeit von Ärzten gegenüber der Pharmaindustrie ein. Die Mitglieder verpflichten sich u.a. keine PharmavertreterInnen zu empfangen, keine Geschenke oder Einladungen zum Essen anzunehmen und sich durch herstellerunabhängige Veranstaltungen und Fachzeitschriften fortzubilden. Gerade viele psychiatrische PatientInnen haben ein großes Misstrauen gegenüber Psychopharmaka und nicht selten auch gegenüber den Herstellern. Vor diesem Hintergrund schaffen pharma-unabhängige ÄrztInnen womöglich Vertrauen. Wer auf der Suche nach einer Ärztin oder einem Arzt ist, die/der Mitglied bei Mezis ist, kann hierzu die Datenbank auf der Homepage des Vereins nutzen. Leider ist die Anzahl noch recht spärlich, interessanterweise finden sich aber im Vergleich zu anderen Fachärzten recht viele PsychiaterInnen bei der Suche. Die Datenbank lässt sich auf der Homepage von Mezis (linke Seite) mit Suchanfragen füttern.
zu Mezis

Compliance goes Adhärenz und Neuropletika goes Antipsychotika
Zweiteres ist ein Trend, der schon seit einigen Jahren zu beobachten ist. Die Formulierung „Neuroleptika“wird zunehmend zugunsten von „Antipsychotika“ vermieden. Ein Referent entschuldigte sich sogar dafür, hier begrifflich kurz wieder in alte Zeiten zurückgefallen zu sein. Eine Wandlung macht momentan auch der Begriff „Compliance“ durch, der immer häufiger durch Adhärenz ersetzt wird. Im Gegensatz zum Begriffspaar Neuroleptika/Antipsychotika die letztlich das Gleiche meinen, unterscheiden sich Compliance und Adheränz inhaltlich tatsächlich voneinander (siehe hier). Den PatientInnen ist zu wünschen, dass dieser Begriff nicht nur aus Gründen der Political Correctness Einzug in das Vokabular der Fachärzte findet, sondern dieser Ansatz tatsächlich in der Praxis Anwendung findet.

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