Psychiatrie und Architektur

Inspiriert durch ein Interview in der aktuellen Pychosozialen Umschau mit den Architekten Christine Mühlich und Wolfgang Mühlich habe ich mich mal in den Weiten des Netzes nach dem Thema Psychiatrie und Architektur umgeschaut. Die Anzahl der inhaltlich erschöpfenden Such-Ergebnisse zu diesem Thema ist recht bescheiden. Der Architekt Joachim Staudt beschreibt in einer Vortragsankündigung zum Thema Psychiatrie, Angst und Architektur, dass bei der Gestaltung von Kliniken ein Wandel von einer „bedrückenden Anstaltsarchitektur hin zu kleinteiligen, an Wohnformen orientierten Gebäudestrukturen“ stattgefunden habe. Das Büro sander.hofrichter beschreibt in ihrer Konzeption des Umbaus einer Neusser Klinik u.a., dass die PatientInnen der geschlossenen Stationen einen freien Blick auf die Innenhöfe erhalten sollten. Das Projekt ist durch Bilder gut dokumentiert. Erstaunlich ist auch die Innenausstattung der Klinik, die eher an ein modernes hochwertiges Hotel erinnert als an ein Krankenhaus. Auf den Seiten finden sich eine Vielzahl weiterer Neu- und Umbauprojekte im psychiatrischen Bereich. Ein Seitenbesuch lohnt sich also auf jeden Fall.
[pullquote align=“left“]“Workshop Pavilions looks like a fire house smashed into a giant EEG scan. Only louder.“ Suzanne LaBarre[/pullquote]Ein weiteres beeindruckendes Projekt präsentiert der spanische Architekt José Javier Gallardo Ortega mit seinem Konzept für eine Kinder- und Jugendpsychiatrie in Feuerwehrrot. Er verbindet mit seiner Farb- und Formgebung die Hoffnung, dass hierdurch die Stigmatisierung und Ausgrenzung der jungen PatientInnen verringert wird. Eine weitere Projektskizze des Architekten beschreibt außerdem ein „Mental Health Multipurpose Center“.
[box title=“In Konzepten genannte Gestaltungselemente“ color=“#708090″]
– Farbigkeit sowohl im Innenraum als auch der Fassaden
–> aber auch Farbneutralität, um zum Beispiel aufgehängten Bildern Wirkung zu  verschaffen
– hoher Anteil von natürlichem Licht
– Fenster, die bis zum Boden reichen
– Zugang von den Zimmern in den Garten oder in einen Hof
– Zugang von geschlossenen Stationen in einen speziellen Gartenbereich
– Aufenthaltsräume mit großen Fensterfronten
– Transparenz zwischen Innenräumen und mehreren Etagen
– Flure sind von Fenstern gesäumt
– hotelähnliche Innenaustattung (möglichst keine Krankenhaus-Assoziationen)
– fließende Grenzen zwischen Innen und Außen
– Vorplätze mit Aufenthaltsmöglichkeiten
– häufiger genutzte Räume sind nach Süden ausgerichtet
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Die Architektur des Klinikums Östra in Schweden verfolgt die Idee, den Genesungsprozess zu unterstützen. Man habe eine freie und offene Atmosphäre mit einladendem Charakter schaffen wollen. Alle Zimmer habe einen Zugang zu einem Garten im Hinterhof. Eine Evaluation belegt eine signifikante Verringerung der Zwangsmaßnahmen und Gewalt seitens der PatientInnen aufgrund der Neugestaltung.
Der Entwurf für eine psychiatrische Klinik in Boras (Südschweden) erinnert dagegen sehr an eine somatische Klinik, auch wenn die Architekten laut Projektskizze darum bemüht waren das Gefühl, eine herkömmliche Instistituion zu betreten so weit wie möglich zu verringern. Besonderer Wert wurde auf seperate Eingänge für Erwachsene, Kinder und Notfallpatienten gelegt. Wie auch bei den Konzepten anderer Architekten war dem Team des Büros Tenbom die Offenheit und Transparenz wichtig. Dieser Anspruch zeigt sich sowohl in den hellen Fluren als auch bei den mit großen Fensterflächen ausgestatteten Aufenthaltsräumen.
Beim Neubau der psychiatrischen Klinik der Universität Tübingen wurde auf „weite Flure, Holzboden und ein natürliches Lichtkonzept“ Wert gelegt. Die Gestaltung sollte möglichst keinen Klinikcharakter haben und „Offenheit signalisieren.“ Auch hier wird die Verringerung des Aggressionspotentials erwähnt.

Ergänzung (05.04.2014): Die Psychiatrische Praxis hat jüngst eine Literaturübersicht von Dirk Richter und Holger Hoffmann veröffentlicht, in der die beiden Autoren Studien die den Zusammenhang von Architektur und Genesung untersuchen, unter die Lupe nehmen. Die gesamte Studie finden Sie in der Publikationsliste von Dirk Richter.

Wer gerne weiter stöbern möchte, findet bei „Google Bilder“ viele Beispiele für Konzeptentwürfe:

[fancy_link color=“black“ link=“https://www.google.de/search?q=Architektur+und+Psychiatrie&hl=de&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ei=XRuEUdTTKI-MswbS54HYAQ&ved=0CAcQ_AUoAQ&biw=1920&bih=890″]Architektur und Psychiatrie[/fancy_link]

 

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